Was haben ein Sushi-Laden, eine Weinbar, ein Labrador und eine Kunstausstellung gemeinsam? Mehr, als man denkt. Die Geschichte von Siavash Ashrafi ist eine Geschichte über Ideen, Umwege, neue Chancen – und darüber, warum Aufstehen manchmal die größte Kunst ist.
Über einen Künstler, einen Hund, viele Neuanfänge – und darüber, was es bedeutet, an einer Idee festzuhalten, wenn der einfache Weg längst vorbei ist.
Manchmal schreibt das Leben Geschichten, deren Pointe man erst viel später versteht. Letzten Freitag stand ich im Eppendorfer Kontor in Hamburg-Eppendorf, zwischen Menschen, Gläsern und den außergewöhnlichen Kunstwerken von Siavash Ashrafi. Ich sah ihn dort stehen, lächelnd, aufmerksam, vielleicht ein wenig aufgeregt, und musste daran denken, wie viele Kapitel dieser Mann in den vergangenen Jahren schon geschrieben hatte.
Dass ausgerechnet hier seine Ausstellung stattfinden würde, hatte fast etwas Ironisches. Denn nur wenige Monate zuvor hatte Siavash selbst, nur ein paar Schritte entfernt, seine kleine Weinbar PRINZ betrieben. Das Eppendorfer Kontor war damals jener neue Nachbar gewesen, der plötzlich genau die Menschen anzog, auf die Siavash selbst so dringend angewiesen war. Ich hätte verstanden, wenn er diesem Ort heute mit Groll begegnet wäre. Aber das wäre nicht Siavash.
Kennengelernt habe ich ihn vor ungefähr fünf Jahren. Damals betrieb er ein kleines Bistro in Eppendorf, ursprünglich als Sushi-Laden gemeinsam mit einem Freund, der kochte. Doch schon nach wenigen Monaten fiel diese Zusammenarbeit auseinander, und Siavash stand plötzlich allein da. Also tat er das, was sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht: Er dachte um.
Aus dem Sushi-Bistro wurde ein Kultur-Café. Er hing seine eigenen Werke an die Wände, kaufte eine schöne Espressomaschine und schuf einen Ort, an dem Kunst, Begegnung und Alltag zusammenkamen. Denn Siavash ist Künstler. Vielleicht nicht nur im klassischen Sinn, sondern ganz grundsätzlich. Er sieht Dinge anders, formt, baut, probiert aus. Seine Arbeiten sind eigenwillig, farbig, plastisch und unverkennbar seine.
Von seiner Kunst allein konnte er nicht leben. Also führte er parallel sein Massagegeschäft weiter. Nicht, weil es bequem war, sondern weil es notwendig war. Auch andere Künstler fanden ihren Weg in sein Café und stellten dort aus. Das passte zu ihm. Siavash wollte Raum geben, auch Menschen, die selbst kaum etwas hatten. Wirtschaftlich war das vermutlich nicht immer die beste Strategie. Menschlich war es sehr Siavash.
Nach ungefähr zwei Jahren war klar, dass das Kultur-Café auf Dauer nicht genug einbrachte. Also veränderte er wieder. Aus dem Café wurde „Mode & Kultur“. Neue Idee, neue Hoffnung, neuer Versuch. Doch auch das Geschäft lief nur schleppend. Die Menschen shoppen heute anders. Wir alle sagen gern, dass wir kleine Läden in unseren Vierteln erhalten möchten – und bestellen am Abend doch wieder im Netz.
Ich war damals oft bei Siavash, manchmal mit Rafa, meinem Labrador. Manchmal kaufte ich eine Kleinigkeit, manchmal saßen wir einfach dort und redeten. Vielleicht leistete ich ihm Gesellschaft. Vielleicht leistete er sie mir. Rafa jedenfalls nahm die Rolle des stillen Begleiters sehr ernst.

Eines Tages kam Siavash mit einer neuen Idee zu mir. Diesmal ging es nicht um Kunst oder Mode, sondern um einen Hunderegenmantel – allerdings nicht einfach irgendeinen. Er hatte einen eigenen Schnitt entwickelt, praktisch gedacht, ungewöhnlich gelöst und mit dieser typischen Siavash-Mischung aus Kreativität und Erfindergeist. Natürlich wollte er ihn ausprobieren. Und natürlich brauchte er dafür einen Hund.
Rafa bekam also eine neue Aufgabe. Nun gehört ein Regenmantel bei einem Labrador nicht unbedingt zur Grundausstattung, aber Rafa nahm die Sache mit jener Gelassenheit hin, die Hunde entwickeln, wenn sie längst verstanden haben, dass Menschen gelegentlich merkwürdige Ideen haben und Kooperation meistens mit Leckerlis endet. Siavash passte an, veränderte, tüftelte weiter. Aus einem ersten Schnitt wurde nach und nach eine echte Produktidee – so eigenständig, dass er sie inzwischen schützen ließ.
Und weil Siavash immer wieder nach neuen Möglichkeiten sucht, seine Ideen weiterzubringen, hat er seinen Hunderegenmantel to Go inzwischen bei „Die Millionenidee mit Ralf Dümmel“ eingereicht. Und wer weiß – vielleicht öffnet sich genau hier die Tür, hinter der seine nächste große Geschichte wartet.
Doch zunächst kam wieder ein anderes Kapitel. Das Modegeschäft trug nicht genug, und nach Weihnachten 2025 schloss Siavash für kurze Zeit, krempelte erneut die Ärmel hoch und baute seinen Laden um. Aus „Mode & Kultur“ wurde die Weinbar PRINZ.
Am Anfang lief es gut. Die Nachbarn freuten sich über einen kleinen Ort, an dem man am Abend gemeinsam ein Glas Wein trinken konnte. Dann eröffnete nur wenige Wochen später schräg gegenüber das Eppendorfer Kontor. Ein schöner Laden, ausgewählte Weine, viele Ginsorten, ein Konzept, das offenbar genau den Nerv vieler Menschen traf.
Für Siavash bedeutete es erneut zu wenig Umsatz, und irgendwann waren seine Reserven aufgebraucht. Die Weinbar PRINZ musste schließen. Aber Siavash wäre nicht Siavash, wenn daraus ein Stillstand geworden wäre. Er widmete sich wieder intensiver seiner „Mobilen Wohlfühlmassage“, bekam Unterstützung beim Aufbau einer neuen Internetseite und investierte in einen mobilen Massagetisch. Ein neuer Weg, wieder einmal. Und einer, der ihm heute gut tut, denn Siavash ist nicht nur Künstler und Ideenmensch, sondern auch ein hervorragender ärztlich geprüfter Massagetherapeut.
Und dann kam dieser Freitagabend. Die Ausstellung im Eppendorfer Kontor. Genau dort, wo wenige Monate zuvor ein Geschäft eröffnet hatte, das für seine eigene kleine Weinbar zur schmerzhaften Konkurrenz geworden war. Ich weiß nicht, ob Siavash selbst darin dieselbe Symbolik gesehen hat wie ich. Vielleicht war es für ihn einfach ein schöner Ort, an dem er seine Kunst zeigen konnte. Für mich war es mehr.

Ich stand zwischen seinen Arbeiten und dachte daran, wie viele Kapitel er in den vergangenen Jahren schon geschrieben hatte: Sushi, Kultur, Mode, Wein, Massage, Kunst – und irgendwo dazwischen sogar noch einen Hunderegenmantel to Go.
Manchmal entwickelt sich ein Weg einfach anders, als man ihn geplant hat. Eine Idee verändert sich, eine Richtung verschiebt sich, und plötzlich steht man an einem Punkt, an dem man neu entscheiden muss. Vielleicht bedeutet Nicht-Aufgeben deshalb gar nicht, immer nur weiterzumachen wie bisher. Vielleicht bedeutet es, beweglich zu bleiben, den Mut zu haben, Dinge anders zu denken und trotzdem an sich selbst festzuhalten.
Genau das berührt mich an Siavashs Geschichte so sehr. Vielleicht auch deshalb, weil ich diese innere Unruhe kenne. Dieses ständige Abwägen zwischen Mut und Vernunft, zwischen Vertrauen und Zahlen, zwischen dem Wunsch, etwas wachsen zu lassen, und der Frage, wann man etwas verändern sollte.
Von außen sieht ein kleiner Onlineshop oft ganz einfach aus: schöne Produkte, Bilder, Pakete, vielleicht ein liebevoll zusammengestelltes Sortiment. Was man nicht sieht, sind all die Gedanken dahinter. Die Entscheidungen, die Zweifel, die Ideen – und die ehrliche Freude, wenn jemand genau das Produkt auswählt, das man selbst mit Überzeugung ins Sortiment aufgenommen hat.
Vielleicht liegt genau darin auch die Verbindung zu Siavash. Hinter kleinen Unternehmen, kleinen Geschäften und besonderen Produkten stehen Menschen. Menschen mit Ideen, mit Mut, mit Geschmack und mit dem Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen.
Und vielleicht ist genau das auch der Grund, warum Siavashs Geschichte so gut zu Ecopetique passt. Ich suche für meinen Shop nicht einfach nur Produkte. Mich interessieren Ideen. Dinge, die schön sind, sinnvoll, gut gemacht – und möglichst von Menschen stammen, die selbst für das brennen, was sie geschaffen haben. Genau solche Geschichten machen für mich den Unterschied.
Als ich an diesem Abend nach Hause ging, dachte ich noch eine ganze Weile an Siavash. An all die Läden, Ideen und Neuanfänge. Und daran, dass ausgerechnet im Eppendorfer Kontor jetzt seine Kunst an den Wänden hing.
Wenn das Leben den Plan ändert, ändert Siavash eben den Entwurf.
Ich mag diese Haltung.
Und irgendwo wartet Rafa vermutlich noch immer darauf, ob aus seiner Karriere als Regenmantel-Model endlich etwas Großes wird. ❤️🐾